AGFW warnt vor verfestigter Armut in Hamburg

Rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschäftigten sich im Curio-Haus in Rotherbaum mit den Ursachen und sozialen Folgen einer restriktiven Finanz­politik, auch des Hamburger Senates – mit dem Ziel, für eine „bedarfsgerechte Bildungs- und Sozialpolitik“ zu werben. Der Veranstalter „Bündnis gegen Rotstift“ besteht aus dem Sozialverband Deutschland (SoVD), der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (AGFW), der Gewerkschaft Erziehung und Wis­senschaft (GEW), dem Fachbereich 6/7 der Gewerkschaft ver.di, der Bun­des­ar­beit­sgemein­schaft Arbeit e.V., der globalisierungskritischen Organisation attac, dem Verband Offene Kinder- und Jugendarbeit OKJA sowie dem Aktions­bündnis Professionelle Suchthilfe (Prost) Hamburg.

Den ersten Impuls für die Diskussionen gab Dr. Heinz Bontrop, Professor für Wirt­schafts­wissen­schaft mit dem Schwerpunkt Arbeitsökonomie im Fachbe­reich Wirtschaftsrecht an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen Bocholt Recklinghausen. Der Sprecher der Arbeitsgruppe Alternative Wirt­schafts­politik wies darauf hin, dass in keinem Land der Europäischen Union das Vermögen so ungleich verteilt sei wie in Deutschland. Joachim Speicher, Sprecher der Nationalen Armutskonferenz (nak), ergänzte in seinem Vortrag, dass die Kinderarmut in Europa bereits 25 bis 30 Prozent erreicht habe und dass der Anteil der Grundsicherungsempfänger in keinem Bundesland so hoch sei wie in Hamburg.

Noch konkreter machte es Jens Stappenbeck, Geschäftsführer der Arbeits­ge­mein­schaft der Freien Wohlfahrtspflege Hamburg: Der von der Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration Ende Januar veröffentlichte So­zial­be­richt des Senats habe ergeben, dass der überwiegende Teil der Hamburger Bevöl­kerung an Bildung und Arbeit teilhaben könne und ökonomisch abgesi­chert sei. 83 % der Eltern in Hamburg verfügten über mittlere bis gehobene Ein­kommen.  Demgegenüber stünden aber 48.000 Kinder und Jugendliche, die sogenannte „Hartz IV“-Leistungen erhielten. In einigen Stadtteilen der Hanse­stadt sei der Anteil der Kinder in Armut bei nahezu 50 Prozent. Stappenbeck forderte für „Hartz IV“-Empfänger eine Erhöhung der Regelsätze, einen kosten­freien oder ermäßigten Zugang zum HVV und Einrichtungen wie Schwimm­bädern und den Ausbau statt eines Streichens von Angeboten der Offenen Kinder- und Jugendarbeit (OKJA).

Besorgniserregend ist laut Stappenbeck auch der Anstieg der Altersarmut um 6,2 Prozent im vergangenen Jahr. Deshalb seien die Sicherung bzw. der Ausbau der Angebote für Senioren und von Besuchsdiensten unerlässlich, um ein Altern in Würde zu ermöglichen. Zudem werde die Zahl der sozial geförderten Woh­nungen in den nächsten Jahren massiv abnehmen. „Die Hamburger Wohnungs­wirtschaft muss stärker auf den sozialen Versorgungsauftrag ver­pflich­tet werden“, so Stappenbeck.

Nachbesserungen forderte der AGFW-Geschäftsführer vom Senat auch für die Krippen in den Kitas, bei denen der Betreuungsschlüssel Mitarbeiter zu Kinder laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung mit 1:5,2 der schlechteste aller west­deutschen Bundesländer ist. Stappenbeck kritisierte, dass der gesamte Zuwen­dungs­bereich von sozialer Arbeit, zu denen zum Beispiel Be­ratungs­stellen gehören, in der Hamburg trotz Tarifsteigerungen mit dem gleichen Budget auskommen müsse. Dies habe zur Folge, dass die Einrichtungen die oft zunehmende Arbeit mit weniger Personal leisten müssten.

Zunehmende Schieflage: Das Bündnis kritisiert angesichts der Kosten für Elbphilharmonie und für Beteiligungen wie an Hapag-LLoyd das Einfrieren der Budgets für soziale Arbeit.
Zunehmende Schieflage: Das Bündnis kriti­siert angesichts der Kosten für Elbphilhar­monie und für Beteiligungen wie an Hapag- LLoyd das Einfrieren der Budgets für soziale Arbeit.
Die rund 150 Teilnehmenden der Konferenz folgten den Ausführungen zahlreicher Rednerinnen und Redner sowie diskutierten in Workshops.
Die rund 150 Teilnehmenden der Konferenz folgten den Ausführungen zahlreicher Red­nerinnen und Redner sowie diskutierten in Workshops.
Jens Stappenbeck, Geschäftsführer der AGFW, forderte vom Hamburger Senat unter anderem einen besseren Personal-Schlüssel bei der Krippen-Betreuung, mehr Sozialwohnungen und einen Ausbau der Seniorenarbeit.
Jens Stappenbeck, Geschäftsführer der AGFW, forderte vom Hamburger Senat unter anderem einen besseren Personal-Schlüssel bei der Krippen-Betreuung, mehr Sozialwoh­nungen und einen Ausbau der Seniorenarbeit.
Zurück